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Nichtraucher-Programme an einer Krankenhaus-Rettungsstation: Erfolgreich bei motivierten Teilnehmern

Kann man Raucher durch eine Kurzberatung im Rahmen eines Notfallstationsaufenthalts und weitere Beratungen per Telefon dazu bewegen, mit dem Rauchen aufzuhören? Die Antwort einer großen Studie lautet: Ja, dies ist möglich; allerdings ist der Erfolg geringer, als es wünschenswert wäre: Positive Effekte zeigen sich nur in jener Teilgruppe, die zu einem Nikotinverzicht schon vorher motiviert war. Dies ist das wesentliche Ergebnis einer Studie, in der ein Forscherteam der Charité -Universitätsmedizin Berlin, gefördert von der Deutschen Krebshilfe, die Wirksamkeit einer Tabakentwöhnung im Umfeld der Notfallstation auf dem Campus Charité Mitte überprüfte.

Insgesamt wurden 11.218 Patientinnen und Patienten in der Rettungsstelle zunächst nach ihrem Raucherstatus und der Eignung für die Studie befragt. Von 1.728 so erfassten Raucherinnen und Rauchern nahmen 1.044, also etwa 60 Prozent, an der Studie teil. Knapp 61 Prozent von ihnen waren Männer, das Durchschnittsalter war 30 Jahre bei einer Bandbreite zwischen 18 und 81 Jahren. Die durchschnittliche Anzahl gerauchter Zigaretten lag bei 15 und schwankte zwischen 1 und 60 Zigaretten pro Tag.

Anders als in einigen anderen Studien nahm mehr als die Hälfte (55,6 Prozent) der TeilnehmerInnen an der Studie teil, obwohl sie von sich aus nicht stark für einen Rauchstopp motiviert waren, d.h. explizit nicht innerhalb der nächsten 6 Monate mit dem Rauchen aufhören wollten. 31,7 Prozent waren ambivalent und beantworteten die Frage nach ihrer zeitlichen Vorstellung vom Rauchstopp damit, dies innerhalb der nächsten 6 Monate, aber nicht innerhalb der nächsten vier Wochen schaffen zu wollen. Die restlichen 12,7 Prozent der Teilnehmenden waren motiviert, mit dem Rauchen innerhalb der nächsten vier Wochen aufzuhören.
Die Studie wurde dann "randomisiert", d.h. zur Teilnahme bereite Männer und Frauen wurden per Zufall einer Interventions- oder Kontrollgruppe zugeteilt. Die Interventionsgruppe erhielt auf der Notfall- oder Rettungsstation der Charité eine leitliniengerechte Beratung sowie ein motivierendes Interview und danach noch weitere telefonische Beratungen. Die Raucher und Raucherinnen in der Kontrollgruppe erhielten keine gezielt motivierenden Maßnahmen, sondern das "normale" Behandlungsprogramm mit allgemeinen Hinweisen, das Rauchen sein zu lassen.

Nach 12 Monaten wurde mit dem Indikator der 7-Tage-Rauchabstinenz der Rauchstatus in beiden Gruppen überprüft. Dabei war die eingangs gemessene Motivation der zentrale Faktor dafür, dass sich überhaupt Effekte des gezielten Programms in der Interventionsgruppe finden ließen:
In den Gruppen der nicht oder nur halbherzig motivierten Personen gab es kaum Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppenmitgliedern.
Einen Unterschied gab es nur bei jenen, die zum Nikotinverzicht motiviert waren: In der Interventionsgruppe waren beim 12-Monate-Follow up 32,8 Prozent abstinent, in der Kontrollgruppe lediglich 18,8%. Wegen der kleinen Stichprobengröße (nur jeder Achte, 12,7%, der rund 1000 Teilnehmer war zum Aufhören motiviert), war dieser Unterschied aber statistisch nicht signifikant.

In der Studie wird deutlich, dass man mit mehrdimensionalen Interventionen zwar positive Wirkungen auf das Rauchverhalten erzielen kann, dass die Effekte aber schwach sind und in starkem Maße auf vorher schon entwickelten Motiven und Einstellungen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen beruhen. In zukünftigen Studien sollte daher auch überlegt werden, wie man die Motivation, mit dem Rauchen aufzuhören, separat oder vorgängig erhöhen kann.

Die in der Studie nicht abschließend geklärten Gründe für den Ausfall von fast 40% der ursprünglich angesprochenen Gruppe von Raucherinnen und Rauchern und von rund einem Drittel der Teilnehmenden für die Follow up-Erhebung des Rauchstatus könnten verzerrend gewirkt haben und sogar zu einer Überschätzung der wirklichen Verläufe und Ergebnisse beigetragen haben. Hier zeigt sich aber auch, wie schwer es ist, für solche Studien eine ausreichende Anzahl zufälliger Probanden zu finden.

Den Aufsaz "Emergency department-initiated tobacco control: a randomised controlled trial in an inner-city university hospital" von Bruno Neuner, Edith Weiss-Gerlach, P. Miller, P. Martus, D. Hesse und Claudia Spies aus der Zeitschrift Tobacco Control (2009; doi:10.1136/tc.2008.028753: 283-292) ist  komplett kostenlos erhältlich.